Streitfrage: Schulen auf oder Schulen schließen?

Politik sollte jetzt reagieren, um unvorbereitet in eine Zwangsschließung zu rutschen. Dafür brauchst es umfassendere Konzepte

Am Montag steht nächste Corona-Runde zwischen Bundeskanzlerin und den MinisterpräsidentInnen der Länder an. Eine wichtige Frage dürfte dabei sein, ob die Schulen weiterhin fast uneingeschränkt offenbleiben sollen oder nicht. Egal wie sich die Politik entscheidet, sie wird zwischen den Fronten stehen und muss Eltern umfassendere Konzepte anbieten, als sie das bisher tut: Sollte sie sich für offenhalten entscheiden, riskiert sie neben dem fortgesetzten Protest von Eltern (und Lehrerverbänden) und möglicherweise zunehmend auch die Gesundheit von SchülerInnen und Eltern. Entscheidet sie sich zugunsten des Wechselmodells oder gar für erneute Schulschließungen riskiert sie den verstärkten Protest von Eltern, die die Schulen uneingeschränkt oder zumindest teilweise offenhalten wollen. Ferner wird sie mit fehlenden Konzepten für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie für digitalen Unterricht, einschließlich der unzureichenden Digitalisierung der Schulen, Lehrkräfte und SchülerInnen, konfrontiert sein. Einen groß angelegten Proteststurm wird sie allenfalls dann vermeiden können, wenn hier kurzfristig übergreifende und durchdachte Lösungen angeboten werden.

Streitfrage: Schulen auf oder Schulen schließen?

Die Ausgangslage: Das aktuelle Infektionsgeschehen

Bundesweit sind die Infektionszahlen hoch und alle westdeutschen Bundesländer sowie Berlin und Sachsen sind – bildlich gesprochen – fast vollständig im roten Bereich, d.h. sie hatten mindestens 51 neue Fälle je 100.000 EinwohnerInnen in den letzten 7 Tagen. Lediglich in den ostdeutschen Flächenländern Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern sowie in Schleswig-Holstein gibt es noch größere Bereiche, in denen die Inzidenz unter 50 Fällen je 100.000 EinwohnerInnen liegt. In anderen Bundesländern sind es nur vereinzelte Regionen.

Auch unter Kindern und Jugendlichen steigt das Infektionsgeschehen stark an, auch wenn die Werte noch – und bei kleineren Kindern: deutlich – geringer sind als bei den Erwachsenen. Die Ansteckungshäufigkeit bei Kindern und Jugendlichen folgt der Entwicklung der 20- bis 49-jährigen Erwachsenen mit einem Abstand von ein bis zwei Wochen. Das heißt, in ein bis zwei Wochen werden genauso viele Kinder je 100.000 Kindern in der entsprechenden Altersgruppe angesteckt, wie heute bei den Erwachsenen.

Politische Entscheidungen

Die Bundeskanzlerin und die MinisterpräsidentInnen der Länder haben Ende Oktober beschlossen, dass die Schulen solange wie möglich offenbleiben sollen. Besonders hervorgehoben wurden dabei die Belange der Vereinbarkeit von Familie und Beruf bzw. der Auswirkungen auf die Unternehmen, wenn Kinder und Jugendliche wieder zuhause betreut werden müssten. Dann würden die Eltern wieder vermehrt nicht arbeiten können. Es wurde aber auch auf die bildungs- und sozialpolitischen Folgen des ersten Lockdowns Bezug genommen, als viele Kinder und Jugendlichen deutlich weniger gelernt haben als im normalen Präsenzunterricht.

Darüber hinaus haben Kultusministerien bzw. Landesregierungen bereits im Sommer Stufenpläne festgelegt, wie sie auf die zu erwartenden wieder steigenden Infektionszahlen reagieren würden. Bei geringer Inzidenz sollte der Unterricht im normalen Rahmen stattfinden, bei steigenden Werten durch Stoßlüften, Maskenpflicht (für unterschiedliche Altersgruppen) für eine möglichst geringe Gefährdung der Kinder und Lehrkräfte gesorgt werden. Bei hoher Belastung sollte dann Unterricht in getrennten Lerngruppen und/oder Hybridunterricht erfolgen. Schulschließungen waren und sind das allerletzte Mittel.

Diese Stufenpläne entsprechen im Prinzip den Empfehlungen des Robert Koch Institut. Danach sollten ab einer regionalen Inzidenz von mind. 50 je 100.000 EinwohnerInnen die Klassen verkleinert werden. Ferner sollte ggf. geprüft werden, ob eine kurzzeitige Schulschließung notwendig sei, ggf. für alle Altersstufen.

Würde die Politik ihren eigenen Stufenplänen oder den Empfehlungen des RKI folgen, müssten Schulen mittlerweile fast bundesweit mindestens im Wechselmodus mit verkleinerten Klassen agieren, wenn nicht sogar weitgehend geschlossen sein. Stattdessen wird regelmäßig betont, dass Schulen keine Pandemietreiber bzw. Hotspots seien. Zumindest das RKI teilt diese Einschätzung scheinbar nicht mehr uneingeschränkt.

Corona im Schulalltag

Im Schulalltag führt das aktuelle Infektionsgeschehen dazu, dass immer wieder einzelne SchülerInnen (oder Lehrkräfte), aber auch ganze Gruppen bzw. Klassen oder gar Schulen vorübergehend in Quarantäne gehen. Nach aktuellen Presseberichten sollen über 300.000 SchülerInnen und 30.000 Lehrkräfte in Quarantäne sein. Das wären etwa 3% der SchülerInnen und 4% der Lehrkräfte. Ob diese Zahlen stimmen, ist jedoch nicht überprüfbar - mangels Transparenz in manchen Ländern. Es gibt Stimmen, die diese Zahlen für zu hoch halten.

Aus Bundesländern, in denen die Eltern entscheiden können, ob die Kinder zur Schule gehen oder nicht, wurde zeitweise gemeldet, dass über 95 Prozent der SchülerInnen anwesend seien.

Es bleibt unklar, ob die von Quarantäne oder sonstigem Corona-bedingten Unterrichtsausfall betroffenen SchülerInnen in dieser Zeit digitalen Unterricht haben oder nicht. Wenn nicht, wird das Lernrisiko individualisiert und es werden unfaire Bedingungen geschaffen – etwas, was KultusministerInnen gerade vermeiden wollen und warum auch bereits die, vom Infektionsgeschehen eigentlich erforderliche Umstellung auf Wechselunterricht unterbunden wurde. Die Ungerechtigkeit wäre dann besonders groß, wenn am Ende dieses Schuljahres Abschlussprüfungen anstehen. Schließlich haben bereits heute viele SchülerInnen ohne Abitur große Probleme beim Übergang in qualifizierte Ausbildung. Die aktuelle Situation wird dieses Problem vor allem für Jugendliche aus sozial schwächeren Familien verstärken. Sie drohen zur Generation Corona zu werden.

Die Frage ist, warum die Politik hier nicht konsequenter ihren eigenen Vorgaben folgt.

Elterninteressen im Widerstreit

Auf die aktuelle Situation reagieren Eltern mit sehr unterschiedlichen und teilweise polarisierenden Forderungen: Die Umfrage der Elternhotline hat deutlich gemacht, wie gespalten die Elternschaft derzeit ist. Auf der einen Seite stehen die Eltern, die für ein Offenhalten und Schulen um jeden Preis kämpfen. Sie finden, dass die Inzidenz bei Kindern und einem Teil der Jugendlichen so gering sei, dass es keinen Anlass gäbe, Schulen zu schließen. Vereinzelt wird sogar gefordert, dass Kinder möglichst auch keine Masken aufsetzen müssen.

Jenseits dieser beiden Punkte, über die man – genauso, wie über andere Einschätzungen bzw. Ansichten – natürlich trefflich streiten kann, haben viele – vermutlich: die meisten – Eltern die große Belastung während des ersten umfassenden Lockdowns am eigenen Leib erfahren und fürchten, dass sich das wiederholt.

Auf der anderen Seite stehen Eltern, die auf eine schnellstmögliche Schulschließung drängen, weil ihnen die Inzidenz insgesamt zu hoch und das Gesundheitsrisiko für ihre Kinder zu groß ist. Nach ihren Vorstellungen sollen die Schulen erst wieder öffnen, wenn sich das Infektionsgeschehen beruhigt hat.

Sowohl die Eltern an den beiden entgegenstehenden Ansichten als auch diejenigen, die sich dazwischen positionieren, bewerten das aktuelle Geschehen und die Folgen für sich und ihre Kinder sehr unterschiedlich. Dabei spielen ihre oft sehr unterschiedlichen Rahmenbedingungen (in Partnerschaft lebend bzw. verheiratet, alleinerziehend; Arbeitssituation und Verteilung zwischen den Personen etc.) ebenso eine Rolle wie ihre Einschätzung der Gesundheitsgefährdung für ihre Kinder und sich selbst.

Bildung und/oder Gesundheit

Neben den Auswirkungen auf Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie auf das Gesundheitsrisiko spielen bei der jeweiligen Einschätzung von Eltern, SchülerInnen, PolitikerInnen etc. auch die Auswirkungen eines potenziellen Lockdowns auf die schulischen Leistungen bzw. Lernentwicklung der Kinder eine wichtige Rolle.

Sowohl von BildungsforscherInnen als auch JournalistInnen werden die negativen Folgen einer potenziellen Schulschließung hervorgehoben, auf unterschiedlichen empirischen Grundlagen und Einschätzungen. Auch wenn vieles inhaltlich und empirisch im Grundsatz nachvollziehbar ist, wirkt die Sicht auf Lernprozesse manchmal etwas technokratisch oder altmodisch. Auch scheint die Rolle des wenig zukunftsfähigen (deutschen) Schulsystems für den zukünftigen Lebensweg etwas überbewertet zu sein.

Ein anderes Risiko einer vollständigen und längerfristigen Schulschließung ist die nachhaltige Vereinsamung von Kinder und Jugendlichen, da sie ihre KlassenkameradInnen und FreundInnen nicht mehr, oder nur noch selten, sehen. Auch bei heutigen Kindern und Jugendlichen ist der virtuelle Kontakt oft nur ein schlechter Ersatz für die persönliche Begegnung. Selten dürften sich so viele Kinder wieder auf die Schule gefreut haben, wie nach dem letzten Lockdown.

Sowohl unter bildungs- als auch gesundheitspolitischen Gesichtspunkten könnte der Wechselunterricht – auch hybrides Modell oder Hybridunterricht genannt – ein guter Kompromiss sein. Er verbindet Lernen und regelmäßigen Kontakt mit der Verringerung der Gesundheitsrisiken für SchülerInnen, Lehrkräfte und auch Eltern. Bei diesem Wechselmodell werden die Klassen geteilt, um den Sitzabstand zwischen den SchülerInnen zu vergrößern und das Ansteckungsrisiko zu verringern. Gleichzeitig findet der Lernprozess teilweise in der Lerngruppe und teilweise zuhause statt – das Wechselmodell kombiniert die positiven Eigenschaften des Präsenz- und Klassenunterrichts mit projektorientiertem und individualisiertem Lernen.

Warum handelt die Politik nicht konsequent?

Es gibt allerdings zwei entscheidende „Schwachstellen“: Erstens, sowohl im Hybridunterricht als auch im Fernunterricht hängt viel von der technischen Infrastruktur sowie den digitalen Kompetenzen bei SchülerInnen und Lehrkräften ab. Die deutsche Bildungspolitik hat es aber nicht nur in den letzten Jahren, sondern gerade auch in den letzten Monaten versäumt, die entsprechenden technischen wie (medien-) pädagogischen Voraussetzungen zu schaffen. Es wurde kaum in Infrastruktur oder neue Endgeräte für Lehrkräfte und SchülerInnen investiert, es gab kaum Fortbildungen für Lehrkräfte. Stattdessen wurde immer nur gesagt, wie viel Geld man in die Hand nehmen wolle, dass das meist bisher nicht ausgegeben wurde. Man muss leider konstatieren, dass die Fortschritte erschreckend gering sind. Auch und insbesondere mit Blick auf eine absehbare Pandemieentwicklung in diesem Herbst.

Und genau dieser geringe Fortschritt fällt den Kultusministerien jetzt auf die Füße: sie müssen faktisch am Präsenzunterricht festhalten, weil weder Schulen noch Lehrkräfte oder gar die SchülerInnen aus benachteiligten Familien hinreichend in die Lage versetzt wurden, einen stärker digital ausgerichteten Unterricht umzusetzen. Das gilt vor allem für die Schulformen jenseits des Gymnasiums.

Zweitens, auch der Wechselunterricht ist nicht ohne Weiteres mit den beruflichen Erfordernissen der Eltern in Einklang zu bringen. Insbesondere die jüngeren Kinder können nicht unbeaufsichtigt zuhause bleiben. Auch hier fallen der Politik die Versäumnisse der letzten Monate auf die Füße.

Politik muss jetzt handeln - will sie größeren Schaden vermeiden

Nach meiner Einschätzung werden die Infektionszahlen auch bei Kindern und Jugendlichen weiterhin hoch bleiben, wenn nicht gar weiter ansteigen. Der aktuelle Trend dürfte sich kurzfristig nicht umkehren oder so stark abflachen, dass die Schulen weiterhin im Normalmodus agieren können. Der politische Druck dürfte spätestens dann zu stark werden, wenn die ersten Schulen zu einem „echten Hotspot“ geworden sind oder aber die Marke von 200 oder 250 infizierten Kindern je 100.000 überschritten wird.

Die Politik sollte daher das Wechselmodell in allen Schulen umsetzen und gleichzeitig ein Corona-Elterngeldes für die Eltern(teile) einführen, die aufgrund der Schulschließung die Arbeitszeit reduzieren müssen. Dieses Corona-Elterngeld sollte die Lohnlücke weitgehend auffangen und sich nicht an den Regelungen des Kurzarbeitergelds oder Ähnlichem orientieren. Diese begrenzte Verringerung der Arbeitszeit hält Eltern bzw. insbesondere Mütter im Arbeitsprozess und vermeidet (hoffentlich), dass Arbeitgeber wieder in alte Muster fallen und Frauen bei der Einstellung benachteiligen.

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