„Die Wellen sind zu hoch. Ich komme da nicht drüber.“

Lena erzählt von dem Versuch, sich mit zwei Kindern von ihrem Partner zu trennen

Beitrag wurde am 09.09.2020 von Katharina verfasst.

Lena ist Mitte 30. Sie hat zwei Kinder, eines geht noch in den Kindergarten, das ältere schon in die Schule. Sie arbeitet in einem Kreativberuf und ist dort für mehrere MitarbeiterInnen verantwortlich. Als sie schwanger wurde, konnte sie in Teilzeit wechseln. „Das war gar kein Problem.“ Mit ihrer Karriere ist Lena glücklich. Anders sieht es mit ihrer Beziehung aus.

„Die Wellen sind zu hoch. Ich komme da nicht drüber.“

„Wenn man sich streitet, wird es nun mal laut“

Lena ist mit ihrem Freund nicht mehr glücklich. Er ist der Vater ihrer zwei Kinder, arbeitet viel, hilft im Haushalt nur dann mit, wenn sie es ihm sagt. Das Zusammenleben ist schwierig. Die Streitigkeiten sind häufig, oft wird es laut und dann beschimpft er sie. Er wurde auch schon handgreiflich, sie stand kurz vor der Anzeige. Eine Frage geht ihr nicht aus dem Kopf: „War das jetzt schon zu schlimm? Oder war das noch normal? Wenn man sich streitet, wird es nun mal laut.“

Die Entscheidung, sich zu trennen, ist schon gefallen

Lena ist unter anderem wegen der Streitigkeiten in ihrer Beziehung in Therapie und mit ihren Freundinnen redet sie auch. Sie und auch die Kinder, auch ihr Freund wissen, dass sie sich trennen will. Aber sie kann es nicht: „Die Wellen sind zu hoch. Ich komme da nicht drüber“, beschreibt Lena die Situation. Und sagt: „Von außen sieht es so einfach aus. Aber die Angst, die man hat, dass man es nicht schafft, mit zwei Kindern eine Wohnung zu finden und keinen Platz in einer Beratungsstelle…“ Denn ins Frauenhaus  will sie nicht. „Ich möchte dort niemandem einen Platz wegnehmen.“

Ihr Freund hat versprochen, sein Verhalten zu ändern

Als Lena ihre Pläne, sich zu trennen, offengelegt hat, ist ihr Freund zurückgerudert. Und hat daraufhin sein Verhalten geändert. „Er hatte eine Erleuchtung“, so Lena. Er hat den Kindern aber auch erzählt, ihre Mutter wolle sich trennen, hat sie als „die Schuldige“ beschimpft. „Ist das eigentlich auch schon Gewalt?“, fragt Lena, „wenn man versucht, die Kinder zu beeinflussen?“

Schuld daran, dass sie bleibt, ist die Berliner Wohnsituation, sagt Lena.

Lena möchte weg. Mit den zwei Kindern. Nur eine Wohnung zu finden, für drei Personen, zu bezahlbarem Preis in Berlin, scheint ihr eine Unmöglichkeit. Sie hat sich an die ElternHotline gewandt mit der Frage, was sie machen soll. Denn ihr kam sogar schon der Gedanke, bei der Bewerbung ihre zwei Kinder zu verschweigen.

„Ein Angebot hatte ich, aber dann muss man schnell den Schlüssel abholen zur Besichtigung und ich war auf dem Weg zur Kita. Ich komme nicht so schnell in einen ganz anderen Bezirk von Berlin“, sagt Lena.

Sie fordert mehr Angebote für Alleinerziehende. Auch an Mütter-Wgs  hat sie schon gedacht. Und daran, sich in Foren zusammenzuschließen. Denn es muss doch viele geben, die „genau in diesem Vorbecken schwimmen“, meint Lena und spricht von ihrem Versuch sich zu trennen. „Man hat einen Traum, ein Schloss. Wie viele Frauen schaffen den Sprung nicht, für sich einzustehen?“

„Wie wird man so stark? Wie kommt man dazu, selbstbestimmt seinen Weg zu gehen?“

Lena möchte nicht ins Frauenhaus. Dafür ist die Scham zu groß. Aber sie möchte sich stärken. Zum Beispiel mit Female Empowerment.  Und hat sich und ihrem Freund Grenzen gesetzt. Immer noch hat sie diese Fragen im Kopf:

„Vielleicht habe ich noch nicht alles für die Beziehung getan? Vielleicht ist es doch wieder gut?“ Und gleichzeitig: „Wie wird man so stark? Wie kommt man dazu, selbstbestimmt seinen Weg zu gehen?“

Sie bewundert Frauen, die stark sind „und allem Wind und Wetter trotzen“, wie sie sagt. Aber gleichzeitig ist sie auch stolz auf sich:

„Der Weg, den ich gegangen bin, der hat mich ja sehr mutig gemacht. Ich habe keine Angst vor der Zukunft. Ich weiß, wie ich mich wieder mehr hervorheben kann, wo man sich doch so schnell verliert als Mutter, wenn man ständig alle eigenen Bedürfnisse zurückstellt.“ Sie hat sich vorgenommen mit einer anderen Perspektive in die Beziehung zu gehen: Mit der „Ich-bin-wichtig-Perspektive!“

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