Die Bedürfnisse des Kita-Personals werden nicht wahrgenommen!

Was mir der Ehemann einer Kitaleiterin vermittelte.

Als Kind gab es kaum einen Nachmittag, an dem ich nicht für einen längeren Zeitraum das Haus verlassen habe. Natürlich wollte ich raus. Jetzt nehmen die Kitas den Regelbetrieb auf und grundsätzlich bin ich über diese Nachricht froh. Studien deuten darauf hin, dass Kinder weniger stark krank werden und das Virus seltener verbreiten als Erwachsene. Mir scheint: Dies ist die richtige Zeit für die Öffnung. Sicher wurde in den Kitas schon eifrig vorbereitet und Kinder werden mit frisch-ausgearbeiteten Hygienekonzepten erwartet!

Kitaleitungen werden nicht in die Entscheidungen der Länder einbezogen

Ich treffe mich mit dem befreundeten Ehemann einer Kitaleiterin, um mir einen persönlichen Eindruck zu machen. Kitaleiterin bedeutete noch bis vor kurzem „systemrelevant“. Weswegen sich mein Interviewpartner im Home-Office um den Sohn kümmerte.

„Um es auf den Punkt zu bringen: Als ich die Mitteilung gelesen habe, dass ab dem 22. Juni der Regelbetrieb wieder anfangen soll, bin ich abends nach Hause gegangen und habe meine Frau gefragt, ob sie schon gekündigt hat. Sie hätte meine Unterstützung.“

Ich erfahre dann: Während die Politik öffentlich mitteilt, dass Maßnahmen getroffen werden und an Plänen gearbeitet wird, sind diejenigen, die sich darum kümmern sollen, meist genauso schlau wie alle anderen auch.

Von der Politik kommen nur Lippenbekenntnisse

Neue Lockerungen oder Veränderungen in den Konzepten zur Bewältigung der Pandemie erfährt auch die Kitaleitung erst aus dem Radio oder der Presse – wie ich also. Wenn ein Bundesland sagt, „uns ist bewusst, dass dies hohe Anforderungen an die Organisation des Kitabetriebs stellt und nicht alles und nicht in jedem Fall von Ihnen uneingeschränkt umgesetzt werden kann“, dann ist das höchstens ein Lippenbekenntnis: „Die offiziellen Mitteilungen an die Träger kommen regelmäßig später. Teilweise am Freitagabend! Nachdem die Kitas möglicherweise schon zu haben.“

Das setzt enorm unter Stress.

„Ich mache mir Sorgen um meine Frau. Sie kam zu mir, nachdem der letzte Schritt zur Öffnung gemacht wurde und meinte: ‚Alles was wir bisher erlebt haben, war pillepalle.‘“

Viele ErzieherInnen arbeiten an der Grenze zum Burnout

Nach all den Umstellungen, dem Druck im eigenen Leben und den vielen Weisungen von oben – nun also wieder Vollbetrieb. Die Belastung ist extrem. Nicht nur für die Leitung, sondern selbstverständlich auch für das Personal: „Ich glaube, dass viele ErzieherInnen nah am Burnout sind. Diese Politik wird auf dem Rücken von anderen Menschen ausgetragen.“

Meist klingeln schon kurz nachdem die Pressemitteilungen raus sind die Telefone. Zu diesem Zeitpunkt sind aber die Kitas noch keinen Schritt weiter als die Eltern, die sie am anderen Ende der Leitung haben. Weder wissen sie, was es zu tun gilt oder welche Informationen sie geben können. Natürlich können manche Kitas mit dieser „absurden“ Situation besser umgehen als andere. Vor allem, wenn sie relativ junges Personal haben, das nicht zur Risikogruppe gehört. 

Von Länderseite sind bisher keine sinnvollen Lösungen gekommen

In Berlin schlug der Senat außerdem vor, dass „Nicht-Fachkräfte, die der Gruppe oder dem Träger bekannt sind, zur Überbrückung dringender Personalengpässe eingesetzt werden“ können. Ob das auf die Schnelle wirklich eine so clevere Lösung ist? Personal muss nunmal erst ausgesucht und dann eingearbeitet werden. „Wenn es so einfach ist, wieso gibt es dann eine ‚Aufstiegsfortbildung‘ zur Erzieherin? Brauchen wir das alles nicht mehr?“

Für die Politik war die „positive Entwicklung des Infektionsgeschehens“ der Grund dafür, „insgesamt zügiger als bisher geplant in den Regelbetrieb zurückzukehren“. Aber tragen die politischen VertrerInnen dann auch die Verantwortung? Es bleibt kurz still. Mein Interview-Partner lehnt sich nach hinten und schaut mich direkt an: „Was das mit der Gesundheit der ErzieherInnen macht, was das mit den Kita-Leitungen macht, interessiert überhaupt nicht. Hauptsache, ich kann die ‚Zahl‘ nach außen tragen.“

Die Kita-Leitungen haben sich für gute Kinderbetreuung krummgelegt

Wirkliche Betreuung kann in der Kita unter den Bedingungen der Pandemie gar nicht stattfinden. Die Kinder brauchen den „emotionalen und körperlichen Austausch mit den ErzieherInnen“. Ohne Abstände arbeitet das Personal unter der ständigen Gefahr, dass es irgendwann doch zum Ausbruch kommt.

„Alles das wird auf dem Rücken der ErzieherInnen ausgetragen. Deren Bedürfnisse werden derzeit überhaupt nicht hinreichend wahrgenommen. Das heißt nicht, dass sich nicht manche Berufsgruppen bemüht haben, der Kita zu Verfügung zu stehen, aber es ist auch so, dass umgekehrt sich viele ErzieherInnen und die Kita-Leitung krummgelegt haben, um gute Betreuung möglich zu machen.“

Auch sie stehen jetzt schon seit Monaten unter Stress. Nicht alle haben gearbeitet, sondern manche waren lange zu Hause und mussten sich um die eigenen Kinder kümmern. Jetzt kehren sie in diesem Zustand zurück und die Kitaleitung soll das alles koordinieren.

„Ich wage die These, dass man in der Hausspitze der Senatsverwaltung überhaupt keinen blassen Schimmer davon hat.“

Beitrag wurde am 30.06.2020 von Philipp Mentis verfasst